Lisa Palmes

Polonistin. Übersetzerin für Polnisch
W. Jagielski: Nocni wędrowcy - Wanderer der Nacht
W. Jagielski: Modlitwa o deszcz
M. Syrwid: Zaplecze
E. Kuryluk: Frascati
B. Rychter: Złoty wilk
K. Kotowski: Kapłan
paradox.pl - Texte über das polnische Theater
M. Olszewski: Chwalcie łąki umajone
Die Texte über aktuelle Strömungen im modernen polnischen Theater habe ich für das neue ArtZine "paradox.pl" übersetzt.
Das Projekt paradox.pl wurde im Rahmen des Programms "Kulturmanager aus Mittel- und Osteuropa" der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit Kampnagel Hamburg konzipiert und gefördert.

Projektleiterin war Małgorzata Ćwikła 



Hier einer der Texte:

Paradox.pl – Im Theater der strittigen Themen

 

     Wie ein Land in Worte fassen, in dem einerseits Theateraktionen von Weltklasse initiiert werden, wo andererseits aber ein Verhalten auf der Bühne, das bestimmte Grenzen überschreitet, durchaus Ohnmachtsanfälle, Empörung und Fußaufstampfen auslösen kann? Wie die unzähligen Paradoxe entwirren, die Teil des Gesamtbilds des polnischen Theaters sind? Die es so faszinierend, irritierend, doch nicht selten auch zu einem Theater zweiten Ranges machen.

      Das vorliegende Werk soll einige ungeklärte Angelegenheiten näher beleuchten, über die schon viel geschrieben, jedoch wenig zu sagen gewagt wurde. Aufhänger für unser erstes Thema ist die Diskussion um Jerzy Grotowski. Für die einen ein Guru des weltweiten Theaters, von der Klasse eines Brecht, Artoud oder Stanisławski, für andere ein Hochstapler und Visionär in Eigenkreation. Ohne Zweifel jedoch eine faszinierende Gestalt. Als Beispiel hierfür soll uns dienen, dass es kein anderer als Grotowski war, der den späteren Gründer des „Odin Teatret”, Eugenio Barbu, zu einer Indienreise überredete. 1963, mitten im tiefsten Kommunismus – also vollkommen absurd, – machte sich der italienische Regisseur in einem Polski Fiat 126p, auch „Maluch - der Kleine” genannt, auf den Weg. Man könnte noch viele Beispiele für Grotowskis Einfluss auf seine Berufskollegen nennen und würde dabei unwillkürlich in den Sumpf der Spekulationen über eine pseudoreligiöse Brüderschaft geraten, wie sie die Theatergemeinschaften gewesen sein sollen. Als die UNESCO das Jahr 2009 zum Grotowski-Jahr ernannte, flammte die Diskussion erneut auf. Bewunderer und Kritiker versuchten einander zu übertönen. Über Leben und Werk Grotowskis, dieser Legende voller Widersprüche, schreibt hier Anna Obolewicz.

      Alle zwei Monate werden junge Autoren an dieser Stelle einen aktuellen Themenbereich aus dem polnischen Theater erörtern. Vielleicht wird dann die Aufregung um die diesjährige Verleihung des Europäischen Theaterpreises in Breslau besser verständlich. Als der mit einem der Preise ausgezeichnete spanische Künstler Rodrigo García eine Performance vorführte, in der er einen Hummer zum Verzehr vorbereitete, benachrichtigten einige Personen aus dem Zuschauerraum die Polizei und den Sprecher einer Tierschutzorganisation. Ja, es gibt in der polnischen Theaterwelt schon so manches bemerkenswerte Verhalten... 

     Als Zusatz werden die drei geplanten Ausgaben von „paradox.pl” Kontaktdaten unabhängiger Theatergruppen und interessante Künstlerprofile enthalten. Für alle Interessierten soll es außerdem einen Veranstaltungskalender mit den kommenden Theaterpremieren und -festivals in Polen geben.

      Ungeklärte Themen gibt es viele, doch nur eine Methode, sich ihnen zu nähern. So wie mit einer Wimper im Auge. Man muss das Auge bloß länger offenhalten, um quälende Fragen loszuwerden.




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