Lisa Palmes

Polonistin. Übersetzerin für Polnisch
W. Jagielski: Nocni wędrowcy - Wanderer der Nacht
W. Jagielski: Modlitwa o deszcz
M. Syrwid: Zaplecze
E. Kuryluk: Frascati
B. Rychter: Złoty wilk
K. Kotowski: Kapłan
paradox.pl - Texte über das polnische Theater
M. Olszewski: Chwalcie łąki umajone

Die Übersetzungsprobe dieser Reportage über Polen im 20. Jahrhundert (erschienen im Czarne-Verlag 2005) wurde im Rahmen des SAMPLE TRANSLATIONS (C)POLAND-Programms des Buchinstituts Krakau finanziert.

Der Autor stellt das postmoderne und kapitalistische heutige Polen dem "früheren" Polen aus den Erinnerungen des Protagonisten gegenüber und beschreibt damit zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Protagonist steht als Suchender zwischen diesen beiden Welten und fühlt sich doch in keiner von ihnen zuhause.

„Das plebejische Polen in Zeiten der Postmoderne. Kaum jemandem ist es bisher gelungen, Polen mit so viel Ergriffenheit und Gefühl zu beschreiben.“ (Andrzej Stasiuk, Czarne-Verlag). mehr

 

Ein deutscher Verlag für diese Erzählung wird noch gesucht.

 

[...] Schon seit langem machte ich mich regelmäßig mit Ewa und Cinek auf zum „Übergang“. Seit es mich in ihre Gegend verschlagen hatte, war bereits ein gutes Hektar Zeit vergangen. Ich hatte mir damals dieses kleine Dorf bei Gołdap, in dem nahe Verwandte von M. wohnten, für ein Schulpraktikum ausgesucht, das ich ohne

größeren persönlichen Arbeitseinsatz abzusitzen hoffte. Bis zum Nachmittag saß ich in einem ausgeblichenen Gebäude aus der Reihe „1000 Schulen zum 1000-jährigen Jubiläum“ (1). Den müden Gemäuern entwich ein mir gut bekannter Geruch, eine Mischung aus wenigen Grundzutaten: dem nicht besonders raffinierten Schulkantinenmenü, durchgeschwitzten Tennisschuhen und Sportkleidung, Kreide, Bohnerwachs, Plakatfarben. Wenn ich auf meinem Platz in der letzten Reihe saß – ein übergroßer Schüler, ein Riese in einer Horde von Mittelklässlern – riskierte ich von Zeit zu Zeit einen Blick aus dem Fenster in einen nahe gelegenen Garten, in dem hochbetagte Sonnenblumen ihre Köpfe mit jedem Tag tiefer senkten, gebeugt von der Unerbittlichkeit des nahenden Oktobers. Zwei Welten schoben sich übereinander, etwas zu dicht, so dass ich zeitweise Probleme hatte zu unterscheiden, wo ich mich eigentlich befand: im Hier und Jetzt in einer Dorfschule, umschwirrt von Gesprächsfetzen über die Bedeutung des Jahres 1939 für die polnische Literatur oder vielleicht in einem anderen September zwanzig Jahre früher. Die gleichen Kindheitsgerüche waberten um mich herum, und es fehlte nur noch, dass mitten in der Stunde die Hygienistin den Klassenraum betrat, um mit sanften Fingern die Haare der kleinen Bengel durchzukämmen. Auch meine.

 

     Als ich das Dorf zum ersten Mal sah, wirkte es, als sei der Taifun  „Ökonomie“ über es hinweggefegt. Von den denkmalgeschützten, noch von den Deutschen errichteten Gebäuden, in denen einst die Direktion der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft(2) ihren Sitz gehabt hatte, war nur noch eine Wand geblieben – der Rest war in Windeseile in Form von Ziegeln wiederverwertet worden. Das ehemalige Kulturzentrum des Ortes, von der mittleren Generation unter Tränen bedacht, wirkte unheimlich mit seinen eingeschlagenen Scheiben, daneben neigte sich eine windschiefe Bushaltestelle langsam gen Boden; sie fungierte an den Nachmittagen als Zentrum des gesellschaftlichen Lebens. Selbst die dramatischsten Ereignisse, Verbrechen, Betrügereien und Tragödien drangen wegen der übermäßigen Entfernung von den großen Städten nur abgeschwächt in diese entlegene Ecke vor. Hochaufgeschossene Birken bewuchsen die den Wäldern nächstgelegenen Äcker. Wer konnte, ging fort, auf den Bau nach Warschau oder auch weiter, um von Zeit zu Zeit im Glorienschein des gemachten Mannes zurückzukehren. Die, die dablieben, lebten in einem gemächlichen Rhythmus: fuhren fünfzehn Kilometer zur nächstgelegenen Party, fischten wild auf den Seen der Umgebung und gingen gemeinsam zur Kartoffelernte; ebenso gemeinsam pfiffen sie auf ihre Lebensrealität. Sie waren so arm, dass sie sich nicht einmal Düngemittel leisten konnten. Was natürlich auch seine guten Seiten hatte: an den Himmel kehrten die Greifvögel zurück, die Maiwiesen lebten erneut auf und begannen zu summen vom Widerklang der Hummeln, Maikäfer, Libellen und der Laubfrösche, die den Regen ankündigten, und den Wohngegenden näherten sich immer mutiger die Rehe. Die Natur holte sich in aller Ruhe das ihr zustehende Territorium zurück; hinter den Scheunen wurden nicht mehr gebrauchsfähige Anhänger, Tanks und Schlepper  überwuchert vom Grün. So sah es jedenfalls auf den ersten Blick aus.

 

     Später begann ich sie immer häufiger zu besuchen. Zu Ewa und Cinek fühlte ich mich hingezogen wegen ihrer Ruhe, dieser positiven Art von Gleichgültigkeit, die sie ein Leben ohne Perspektiven ertragen ließ und sie gleichzeitig vor zerstörerischen Anwandlungen von Bitterkeit schützte angesichts der Tatsache, dass woanders jemand in bessere Verhältnisse hineingeboren worden war und sich deshalb zu einem unternehmerischeren Arschloch entwickeln konnte, dass dieser Jemand nicht in einer alten Klapperkiste zwanzig Kilometer zur Schule und zwanzig zurück fahren musste, um nach dem Unterricht knöcheltief im Mist zu versinken. Nicht ausgeschlossen, dass sie Ausnahmen waren, aber bei Beiden konnte ich keine Spur von Frustration erkennen, sondern nur ein Einverständnis mit der Welt, dem Lauf der Zeit, dem Leben von Tag zu Tag, welches hier mehr als anderswo im Rhythmus der Jahreszeiten verlief. Und das war eine Überraschung für mich: dass die Fahrt in verlangsamter Gangart, das Bewusstsein, zurückzubleiben und dass immer mehr Fahrer einen im Rückspiegel beobachten, nicht mit Wehgeschrei einhergehen muss.

     An den Abenden drängten sie sich auf der Flucht vor der Leere mit ihren drei Kindern und den Eltern von Ewa in der heimeligen Küche zusammen, im Hintergrund das einschläfernde Rauschen des Fernsehers. Plötzliche Wintereinbrüche schnitten sie von der Welt ab, das Korn wuchs mal besser, mal schlechter, und im Tümpel führten die Schleien ihr schlammiges Dasein. Ohne Eile verstrichen die Jahreszeiten eine nach der anderen.

     Aus der Enttäuschung über eine Wirklichkeit, in der sie nicht so zu funktionieren vermochten, wie sie hätten sollen, erwuchs jedoch kein Zorn. Sie wendeten ganz einfach, vielleicht sogar unbewusst, die Methode des passiven Widerstands an: lebten von ihren 40 Hektar Land und regelmäßigen Fahrten zum „Übergang“. Der Mythos des ruhigen Landlebens enthüllte hier seine Reize in ärmlicher, jeglicher ästhetischen Ausschmückung entbehrender Form, auf ironische, perfide Weise inmitten von preußischen Dekorationen, dem Technikgedanken der achtziger Jahre und der von allen Seiten näherrückenden Natur.

 

     Es kostete mich einige Zeit, diesen falschen Frieden zu durchschauen. Aus Gesprächsfetzen, Fragmenten von Unterhaltungen und Geräuschen von den nachts in völliges Dunkel gehüllten Veranden konstruierte ich eine verborgene Welt. Dort herrschte ein illegales Vibrieren, eine andere Form der Entwicklung, geheimgehalten vor den Steuereintreibern. Vibrieren deswegen, damit es niemandem auffiel. Im Schatten der Birken wurden durchaus fette Geschäfte gemacht, wechselte Grund und Boden für ordentliche Summen den Besitzer, kramten Sommerfrischler ihr letztes Geld aus dem Sparstrumpf, um jemandem ein am Hang gelegenes Stückchen Boden mit melancholischem Ausblick und Seezugang vom väterlichen Erbe abzuringen. Es wurden immer neue Autos aus dem „Reich“(3) importiert, langsam begann das Reparatur-Zeitalter. Vergessen die Zeiten, in denen man einen Kofferraum voll wild gefischten Aals für ein paar Perlen und Spiegel oder zwei kleine Flaschen Wodka bekommen konnte. Und den Landwirten, die Felder mit Hügeln zu ihrem Besitz zählten, boten die Mobilfunkbetreiber einen nicht zu verachtenden Handel an: beträchtliche Summen als Gegenleistung für die Aufstellung eines Mastes. Dafür mochte sich allerdings niemand so recht hergeben. Denn mit der Strahlung weiß man ja nie.

Und dann die Grenze. Von ihr lebte das halbe Dorf. Die ganze Gegend betäubte sich mit Grenz-Alkohol. Da gab es „Morozow“ mit dem blauen Etikett, Wodka „Stoliczna“ und Weizenwodka „Pszeniczna“, der fade und leicht süßlich schmeckte. Dazu wurden „Monte Carlo“-Zigaretten in der roten oder der blauen Schachtel geraucht. Das ganze Dorf fluchte auf die Grenze, was das Zeug hielt, schwor sich, das sei jetzt wirklich die letzte Fahrt, nur um sich einige Tage später wieder auf den Weg zum goldenen Vlies mit 40 Prozent Alkohol zu machen. Neben den Baumspalieren, die noch die Deutschen entlang der schmalen Straßen angepflanzt hatten, tauchten ein Kreuz und ein Plastikkranz nach dem anderen auf – Erinnerungen an einen letzten Weg, betrunken im Auto oder mit dem Motorrad, das mit Wucht in einen der ungerührt dastehenden Bäume hineinraste. [...] 



(1) „1000 szkół na 1000-lecie“: In den 60er Jahren gab es in Polen das Vorhaben, 1000 neue Schulen zum 1000-jährigen Jubiläum des Landes zu bauen

(2) Państwowe Gospodarstwo Rolne (PGR)

(3) poln. „reich“: ugs. für Deutschland

 

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