Lisa Palmes

Polonistin. Übersetzerin für Polnisch
W. Jagielski: Nocni wędrowcy - Wanderer der Nacht
W. Jagielski: Modlitwa o deszcz
M. Syrwid: Zaplecze
E. Kuryluk: Frascati
B. Rychter: Złoty wilk
K. Kotowski: Kapłan
paradox.pl - Texte über das polnische Theater
M. Olszewski: Chwalcie łąki umajone
- in Polen nominiert für den Literaturpreis NIKE 2010

Diese literarische Reportage über den Bürgerkrieg in Uganda ist im März 2010 im Transit-Verlag in Berlin und auf Polnisch 2009 im WAB-Verlag in Warschau
erschienen.
Die deutsche Übersetzung wurde mitfinanziert vom Buchinstitut Krakau im Rahmen des ÜBERSETZERPROGRAMMS (C)POLAND.


[...] Später kamen die Kinder.
Sie erschienen ohne Ankündigung, nahezu unbemerkt. Wie Geister nahmen sie plötzlich Gestalt an, tauchten unvermutet aus der Dunkelheit auf, als hätte der Erdboden sich aufgetan und sie freigegeben. Zügig, in Gruppen strömten sie von allen Seiten in die Stadt, die in Erwartung des Unwetters still, wie ausgestorben dalag, schritten sicher voran, ohne Eile, wie jemand, der etwas Wohlbekanntes zum tausendsten Mal wiederholt.
Einige waren in Schuluniform, mit Tornistern voller Bücher und Hefte auf dem Rücken. Andere wiederum liefen barfuß und in Lumpen, schleppten Decken, Stoffballen, undefinierbare Bündel mit sich, auch Zeitungspapier und Pappstücke aus Straßengräben oder Abflussrinnen. Die älteren Kinder führten die jüngeren, erst ein paar Jahre alten, an der Hand, und die Mädchen trugen, ganz wie Bäuerinnen bei der Feldarbeit, Säuglinge in Tüchern auf dem Rücken.
Der Kinderstrom glitt nahezu geräuschlos durch die Dämmerung, die alle Konturen verwischte. Auf dem Marktplatz teilte er sich schließlich in mehrere Arme auf. Der größte bog Richtung Busbahnhof ab, ein kleinerer endete seinen Lauf auf dem St. Marien-Kirchhof mit seinem gewaltigen, aus roten Ziegeln errichteten Gotteshaus. Wieder andere bewegten sich zielstrebig auf Krankenhäuser, Schulhöfe zu. Die Übrigen blieben auf der Hauptstraße, im Schatten der Häuser, wo sie ihr Nachtlager errichteten.
Viele der Kinder waren nur auf der Suche nach einem Ruheplatz und legten sich sofort schlafen, noch vor Einbruch der Nacht, die die Stadt jedes Mal in völliges Dunkel hüllte. Einige Jungen jedoch rannten, verführt vom Gefühl der grenzenlosen Freiheit, noch lange Zeit umher, stießen schrille Schreie aus, ärgerten die Mädchen und genossen das Spiel in der völlig ausgestorbenen Stadt, deren alleinige Herren sie mit Einbruch der Dämmerung geworden waren.
Die Straße, kaum noch sichtbar in der immer dichter werdenden Dunkelheit, hallte nun erneut von Gesprächen wider. Stimmengewirr schwoll an und ebbte ab, mal näher, mal ferner. Vor der Eisenwarenhandlung gegenüber ertönte Weinen. An der menschenleeren Bar vom »Franklin's« lief leise der Fernseher, und durch das geöffnete Küchenfenster war zu hören, wie der Wirt die Tellerwäscher antrieb, die am Ende eines langen Arbeitstages nicht mehr zur Eile fähig waren.
Da tauchten direkt bei unserem Tisch einige Mädchen aus der pechschwarzen Nacht auf. Angelockt wie die Motten von den letzten Streifen gelblichen Lichts, die von der Bar auf die Straße fielen, machten sie sich schweigend daran, ihr nächtliches Lager auf dem Teil des Gehsteigs aufzuschlagen, der zum Gasthaus »At Franklin's« gehörte. Den letzten späten Gästen schenkten sie keine Beachtung, breiteten ihre Pappstücke und Decken auf der Erde aus und legten sich schlafen.
Bei ihrem Erscheinen schrak Jackson zusammen und blickte verwirrt um sich, wie jemand, der die Zeit völlig übersehen hat. Er stellte die noch volle Bierflasche auf dem Tisch ab und machte mit dem Kopf ein Zeichen Richtung Ausgang, wartete aber nicht einmal, bis ich die Rechnung beglichen hatte, sondern stand einfach auf und verschwand im Dunkel. Als ich nach ihm aus dem Lichtschein in die Nacht hinaustrat, brauchte ich eine ganze Weile, um in der Finsternis seine Gestalt auszumachen.
Er ging schnellen Schrittes in der Mitte der Straße, sehr aufrecht, schaute nicht nach rechts und oder links, wo die Kinder sich unter den Vordächern der Häuser für die Nacht einrichteten. Weder blickte er sich nach mir um, noch wartete er. Nach der ersten Querstraße beschleunigte er seinen Gang sogar noch. 
Erst da, als habe das Echo seiner Schritte sie angelockt, traten ein paar kleine Gestalten aus dem Schatten der Vordächer heraus. Eine hohe Kinderstimme schlug Alarm, kurz wurde die Verfolgung aufgenommen, jedoch sofort wieder abgebrochen. Dann verschwand Jackson am Ende der Straße, und auf dem Gehsteig kehrte wieder Stille ein. [...]

(Webseite des Transit-Verlags)
Willkommen
Literaturübersetzung
Leseproben
Weitere Projekte
Ausbildung
Fachübersetzungen
Buchhandlung Księgarnia
Kontakt/ Impressum
Übersetzungen polnischer Literatur