Lisa Palmes

Polonistin. Übersetzerin für Polnisch
W. Jagielski: Nocni wędrowcy - Wanderer der Nacht
W. Jagielski: Modlitwa o deszcz
M. Syrwid: Zaplecze
E. Kuryluk: Frascati
B. Rychter: Złoty wilk
K. Kotowski: Kapłan
paradox.pl - Texte über das polnische Theater
M. Olszewski: Chwalcie łąki umajone

Diese literarische Reportage über Afghanistan, (Dt. Arbeitstitel: Regengebet) die sich aus Jagielskis Erfahrungen, Gesprächen und Reflexionen aus elf Jahren zusammensetzt, ist 2002 (und in zweiter, erweiterter Auflage 2008) im WAB-Verlag in Warschau erschienen.

Auf Deutsch ist das Buch bislang unveröffentlicht. 


 

Kapitel 1

Wieder war der Frühling zeitiger als sonst ins Land gekommen. Staubumhüllt und noch heißer und trockener als die vorangegangenen, die auch schon außergewöhnlich heiß und trocken gewesen waren. Die aschgrauen Wolken spendeten lediglich Schatten. Aufgequollen, randvoll mit Versprechen drängten sie sich am tiefblauen Himmel, brachten jedoch nicht den ersehnten Regen, der das zwar noch glimmende, aber schon im Erlöschen begriffene Leben hätte wiedererwecken können.  

Niemand erinnerte sich, je eine solch schreckliche und langanhaltende Dürre erlebt zu haben. Der Fluss, der mitten durch Kabul führte, sonst eiskalt und reißend, war so weit ausgetrocknet, dass die Kaufleute der Stadt ihre Marktstände in seinem lehmigen Bett aufstellten, zwischen den Rinnsalen und Wasserlachen, in denen die Frauen am frühen Morgen ihre Wäsche wuschen. Mit schmerzerfülltem Blick beobachteten die Menschen die felsigen Berge rund um die Stadt und versuchten, Schnee auf ihren Gipfeln zu erspähen, Anlass zur Hoffnung. Doch selbst im tiefsten Winter mit seinen frostigen Nächten und klaren, wolkenlosen Tagen dräuten die Bergketten in ihrem unerbittlichen, rötlichen Braun, das nur Unglück verheißen konnte.       

Die im Zuge des Krieges völlig zerstörte und geplünderte Stadt füllte sich mit Tausenden obdachloser und ausgehungerter Elendsgestalten, Flüchtlingen aus den Dörfern, die die Macht der Natur verwüstet hatte. Die Brunnen waren von der Sonne ausgetrocknet, die Felder der am Fuße des Hindukusch Lebenden verbrannt, vernichtet die Herden der Nomaden in dem unwegsamen Wüstengebiet zwischen Pamir, Sulejmangebirge und Herat. Zu Asche verglüht waren Weizen-, Baumwoll-, Mais- und Reisfelder, das Gras auf den Wiesen, sogar Sonnenblumen und Sesamstauden. Die Erde bedeckte ein mehrere Finger dicker Staubpelz, und der längs der nördlichen Grenze entlangfließende Amu Darya-Fluss führte auch dieses Mal nicht genug Wasser, um den inmitten der Wüste langsam austrocknenden Aralsee zu erreichen.    

Bauern und Hirten konnten nur in wortlosem Kummer und Entsetzen dem langsamen Sterben all dessen zusehen, was bis dahin ihr Leben gewesen war. Gewaltsam aus ihrer bisherigen Rolle gerissen, oder vielleicht auch von ihr befreit, machten sie sich ratlos und ohne nachzudenken in die Städte auf, als sollte ihnen dort ihr Leben zurückgegeben werden. Sie gehörten jedoch nicht in die Städte und es gab dort keinen Platz für sie.    

Außerdem waren die Städte schon seit langem tot, sie waren als erste gestorben. Verlassen von ihren Bewohnern waren sie zugrunde gegangen. Sie konnten sich nicht auf das neue Leben einstellen, das die siegreichen Soldaten aus den menschenleeren Wüsten und felsigen Berggegenden ihnen aufzuzwingen versuchten. Diese hatten gerade den Krieg um die Herrschaft gewonnen, doch anders als alle ihre Vorgänger gaben sie sich nicht mit der Eroberung Kabuls als Kriegstrophäe zufrieden, sondern führten die Regeln ein, nach denen sie bisher in ihren Wüstenoasen gelebt hatten und die, nach Meinung ihres Emirs, die Stadt ein für alle Mal von der ihr angeborenen Sünde befreien sollten.    

In den Städten jedoch wollte, konnte niemand so leben. Als erste ergriffen die Schriftsteller die Flucht, die Denker, Gelehrten, Musiker, dann die Ingenieure, Ärzte, Studenten und sogar die Gymnasiasten. So blieben nur die Flüchtlinge aus den Dörfern zurück, verloren, unsicher, fremd. Sie ließen sich leicht regieren, waren jedoch wenig hilfreich, als sich dieses neue Leben, das Leben in völliger Übereinstimmung mit den göttlichen Geboten, nicht als die endgültige Lösung herausstellte.

Aus den ärmsten Provinzen Faryab und Ghor und dem bergigen Badachschan im Osten des Landes trafen Nachrichten über eine geheimnisvolle, mit Lähmungserscheinungen einhergehende Krankheit ein, die von giftigem Unkraut herrührte, welches die Menschen aus Mangel an Nahrungsmitteln zusammen mit Käfern in ihre Kessel warfen und zum Abendessen verzehrten. Den Frauen versiegte die Milch in den Brüsten, und die Männer wurden, kaum dass sie das vierzigste Lebensjahr erreichten, zu Greisen.   

Schweigend starben Dörfer und kleine Städte und gingen in die Herrschaft der Ratten über, die auf der Suche nach Futter scharenweise in die menschlichen Behausungen eindrangen. Auf Schritt und Tritt hinter ihnen her schlichen schmutzige Kinder mit filzigem Haar, die eher an kleine boshafte Elfen aus den Nomadenmärchen denn an menschliche Wesen erinnerten, und machten die Verstecke der Nagetiere ausfindig, um später die Rattenhöhlen auszuheben und die für den Winter vergrabenen Körner herauszuholen.

Die Dorfbewohner, die schon vor langer Zeit ihr gesamtes Hab und Gut für Lebensmittel versetzt hatten, boten nun die jämmerlichen Reste zum Verkauf: Erinnerungsstücke der Familie, Kleidung, landwirtschaftliche Geräte und sogar die Dächer ihrer Häuser, Tür- und Fensterrahmen. Als auch das nicht mehr reichte, verkauften sie ihre eigenen Kinder und begaben sich schlussendlich selbst in die Unfreiheit, als Garantie für die Rückzahlung von Darlehen, die sie bei einem reichen Grundbesitzer oder Drogenschmuggler aufgenommen hatten.       

Ein klein wenig Hoffnung setzten die Menschen noch auf die Ausländer, die bisher aus unerklärlichen Gründen immer zur Hilfe geeilt waren, wenn wieder eine Plage über Afghanistan gekommen war. Diesen Frühling jedoch stellten sich nicht einmal die ausländischen Helfer ein. Statt ihrer Gaben hatten sie für Afghanistan und seine Herrscher nur Worte der tiefsten Verachtung übrig.

Ihre Empörung hatte ein Erlass des Emirs hervorgerufen, nach dem alle Statuen zerstört werden sollten, die Lebewesen abbildeten. Für den Emir galten Skulpturen, Gemälde und Fotografien von Menschen als umstürzlerisch und ihre Anfertigung als Anmaßung. Mit der Vernichtung dieser Statuen, von denen viele tausendjährige Kulturdenkmäler darstellten, hatten die afghanischen Herrscher sich in den Ruf von Barbaren gebracht, die kein Mitgefühl verdienten.

„Aber was haben denn wir getan, dass man uns die Hilfe verweigert?”, fragten die stolzen Afghanen, die eher zugrunde gegangen wären, als um Almosen zu betteln. „Ist es denn unsere Schuld, dass wir solche Herrscher haben? Wir haben sie uns nicht ausgesucht!“ In der tausendjährigen Geschichte Afghanistans war noch keiner der Herrscher durch den Willen seiner Untertanen auf den Thron gelangt. Schahs, Emire, Könige, Präsidenten und Premierminister ergriffen die Macht durch Kriege oder hinterhältige Morde. Den Untergebenen blieb lediglich die Hoffnung, ihr Herrscher möge sich als umsichtig, gerecht und barmherzig erweisen.   

Der Emir, der einäugige Omar, ließ zum Opfer hundert Kühe schlachten und ihr Fleisch unter der Bevölkerung verteilen, um sie auf diese Weise wenigstens für die Geduld zu belohnen, mit der sie so viele Jahre hindurch die sündenbehafteten Statuen in ihrem Land ertragen hatte. Auch wollte der Emir vor Allah, dem Höchsten, Buße für seine eigenen Sünden tun, besonders für die unverzeihliche Verzögerung, mit der er selbst und seine gottesfürchtigen Minister die Zerstörung der umstürzlerischen Denkmäler angegangen waren.    

„Wir hatten so viele wichtige Dinge zu regeln, dass wir die Sache mit den Statuen immer wieder aufgeschoben haben“, rechtfertigte sich in seinem Amtszimmer der Kulturminister Mullah Quadratullah Jamal, ein muskulöser und durchtrainierter Mann, langhaarig und bärtig, mit kohlegeschwärzten Augen, der mir nun beschämt wie ein Sünder seinem Beichtvater gegenüberstand. „Nun wollen wir unsere Nachlässigkeit wiedergutmachen.“   

In Kabul wurden vor Tagesanbruch auf dem Vorhof des Präsidentenpalastes zwölf Färsen geopfert. Den Präsidentenpalast hatte der Emir nicht ein einziges Mal besucht und ihn seinem Premierminister als Wohnung überlassen, so sehr verachtete er die Stadt als Höhle des Verbrechens und alles Bösen. Die über und über mit Blut beschmierten Schlächter teilten das Fleisch mit riesigen, in der Sonne glänzenden Messern in kilogrammschwere Stücke, welche von Soldaten mit schwarzen Turbanen an die Armen verteilt wurden, die sich am Fluss vor der Blauen Moschee versammelt hatten. Im Lärm und Durcheinander des Basars wurde die Opfergabe jedoch nicht einmal bemerkt, unterbrach nur für einen kurzen Moment das fieberhafte Treiben. Die Päckchen mit dem Fleisch verschwanden in wenigen Augenblicken im Menschenmeer, an sich gerissen von zerlumpten Gestalten.

In den Moscheen wiesen die Mullahs die Menschen an, um Regen zu beten. Doch anstatt Hoffnung zu spenden, stürzten die Gebete die Gläubigen nur in noch größere Ungewissheit und Verzweiflung. Sie begannen zu argwöhnen, der Allmächtige wolle ihre Bitten nicht erhören und habe ihnen diese Dürre geschickt, da sie ihn erzürnt hätten.

Als dann in den Städten Rudel von bösartigen, verwilderten Hunden Kinder und verirrte Reisende anzufallen begannen und Heuschreckenschwärme aus den von der Sonne verbrannten Bergtälern in die Ebene abwanderten, erinnerten sich immer mehr Afghanen an ihre Vergehen und suchten die Schuld in ihnen. Viele räumten ein, der Allmächtige könnte seine Gründe haben, sie so hart zu bestrafen. [...]

(Webseite des WAB-Verlags)

Willkommen
Literaturübersetzung
Leseproben
Weitere Projekte
Ausbildung
Fachübersetzungen
Buchhandlung Księgarnia
Kontakt/ Impressum
Übersetzungen polnischer Literatur