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Die Straßenbahn, die Longin fuhr, war einfach phantastisch: sie blitzte vor Sauberkeit und war so neu, dass sie duftete, absolut EU-mäßig. Manchmal, wenn er seine Bahn durch Warschaus Straßen lenkte, stellte Longin sich vor, er wäre Straßenbahnfahrer in Frankreich oder Deutschland, führe durch Frankreich und rezitierte Apollinaire, oder führe durch Deutschland und rezitierte Rilke. „How do you do“, würde er zu dem Fahrgast sagen, dem er eine Fahrkarte verkaufte, und der Fahrgast würde niemand Geringerer sein als dieser Gunter Gras, oder Leklesio, oder Hullebeck.
„Merci“, würde Longin sagen, „but no. Free ticket, good book.“ Sich verbeugen. Und weiterfahren, durch eine frisch getünchte Welt. Null Graffiti, null Ärger, null Pöbeleien. Die Menschen lächelten sich an, alle hätten gerade Zähne, gerade Beine. Der Blinde und der Lahme gingen auf einem ganz geraden Gehsteig.
Hier dagegen war die Welt so seltsam, so beliebig. Die Menschen liefen herum wie freudlose Marionetten, mit schwankenden Köpfen. Immer in Eile, wohin eilten sie bloß, wo sie doch nichts hatten. Sogar jetzt gerade, in weiter Ferne, eilt eine Alte schneckengleich den Gehsteig entlang, reißt ihren Körper in schwerfälligen Bewegungen nach vorn, der Gehstock wie ein dünner Stecken. Gleich wird sie hier bei ihm ihr Leben aushauchen.
Longin wartet, das Kinn in die Hand gestützt.
„Nun fahren Sie doch!“, schreit jemand. Longin wartet.
„Fahren Sie endlich, verdammt nochmal!“, regt sich die ganze Straßenbahn auf.
Longin blickt zu der Alten. Die Alte schnauft, ist scheinbar schon ganz nah, aber auch wieder zu weit weg. Longin schließt die Türen.
Fährt los. Erster, zweiter, dritter.
Sein Kopf kippt immer wieder nach vorn, so müde ist er.
Wie sie rennen und rennen, diese Alten. Gerade jetzt wieder eine mit einem Verband, der sich gelöst hat und um ihre Beine baumelt wie eine Schleppe. Longin denkt sich, dass da nur kein Unglück passiert, der Verband wickelt sich ums Bein, man fällt hin, verletzt sich, und schon hat man den Salat. Aber auf ihn hört ja keiner.
Er ließ den Kopf hängen und fuhr mit gesenktem Kopf weiter, sah kaum etwas, sah kaum, wohin. Sein Blick wurde glasig wie Zwiebeln in der Pfanne. Dann rieb er sich die Augen und bemühte sich um einen muntereren Ausdruck, ging es doch gerade an seinem Haus vorbei, seinem heimeligen, sauberen, ruhigen Haus, in dem seine wundervolle Frau Alicja auf ihn wartete, eine bezaubernd schöne Frau, wie einem Dostojewski-Roman entstiegen, vielleicht manchmal etwas trübsinnig, vielleicht manchmal etwas launenhaft, aber mit einem großen, einem weiten Herzen, von lebhafter Natur, und mit einem Charakter unbeugsam wie Stahl. Sicherlich, es mochte dem etwas Forderndes, ein gewisses Verlangen, eine Sehnsucht nach Größerem zugrundeliegen: aber Alicja, ich kann dir nicht viel geben, da ich selbst nicht viel habe.
Und dennoch liebte sie ihn.
Vielleicht liebte sie ihn noch.
Heute würde er sie danach fragen. Ob sie ihn noch liebte. Und wovon wir eigentlich sprechen, wenn wir von Liebe sprechen.
Berührt von diesem Gedanken senkte Longin den Kopf, und als er ihn wieder hob, sah er sie – eine seltsam verdrehte Gestalt, die, eine Hand auf dem Bauch, quer über die Fahrbahn ausgestreckt lag. Direkt vor seinen Rädern. Longin drückte den Klingelknopf und trat auf die Bremse. Ein Ächzen entfuhr ihm. Er bekreuzigte sich, und durch den Kopf schoss ihm der Gedanke an den Heiligen Franziskus, der so nah war, und an Alicja, die so nah war, und an die Kinder, die das Haus bestimmt noch nicht verlassen hatten. Er hörte den Aufprall, dann einen seltsamen Nachhall, so etwas wie ein Knirschen. Die Straßenbahn durchlief ein Rütteln, als wäre sie auf einen Holzklotz aufgefahren.
„Das ist das Ende“, dachte Longin. Während er mit zusammengekniffenen Augen weiterbremste, schien das Schwarz hinter seinen Lidern zu zerbersten. Ein seltsames Pfeifen drang an sein Ohr; konnte das der Wind sein? Er öffnete die Augen. Die Scheibe der Fahrerkabine war so furchtbar verschmiert, und hinter der Scheibe erstreckte sich das Nichts. Hinter sich hörte Longin eine vielstimmige Kanonade; es klang wie das Grollen einer Provinzoper. Eilig verließ er die Kabine und rannte zu dem Körper, machte jedoch fast sofort wieder auf dem Absatz kehrt, beugte sich schluchzend vornüber und erbrach sich vor Ekel, Entsetzen und Verzweiflung. Einen Moment lang fühlte er sich besser, aber als er sich den Mund abgewischt hatte, wusste er, dass alles Schreckliche gerade erst begann.
Er blickte zum Himmel auf, und der Himmel war ruhig und erbarmungslos.
Und es trat ein Grauen der plötzlichen Stille ein. Und eine Leere im ganzen Himmel.*
Longin trocknete sich mit einem Taschentuch das Gesicht, putzte sich die Nase und atmete tief ein. Dann machte er einen Schritt in Richtung des Körpers, trat jedoch gleich wieder zurück und ging den Fahrgästen die Straßenbahntüren öffnen.
Wie ein buntgefleckter Schaumteppich ergoss sich der Menschenstrom auf die Straße. Longin sah zu, wie ein Teil der Fahrgäste dicht zusammengedrängt zu diskutieren begann, während ein anderer Teil auf die gegenüberliegende Straßenseite hinüberlief, um die Leiche besser zu sehen.
„Verdammte Scheiße, ich fass es nicht“, sagte ein Teenager.
Ein paar Leute zogen ihre Handys heraus und begannen, die Szene zu filmen. Longin lief zu ihnen, um sie daran zu hindern, begriff aber gleich, dass das nichts nützen würde.
Er wartete auf den Rettungswagen, die Polizei und das Urteil.
„Schicksal ist Schicksal“, kreisten die Gedanken in Longins Kopf. „Seinem Schicksal entrinnt man nicht.“
Aber ob er selbst das dachte, oder ob schon einmal jemand anders es für ihn gedacht hatte, das wusste er nicht.
Ein Mann näherte sich Longin und klopfte ihm auf die Schulter.
„Machen Sie sich keine Vorwürfe“, sagte er. „Ich habe alles gesehen, Sie trifft keine Schuld. Und Sie waren nüchtern, es wird Ihnen nichts passieren.“
Longin nickte, dann ging er ein Stück zur Seite und begann zu weinen. Während er sich die Tränen aus den Augen wischte, sah er ratlos zu, wie neben der Straßenbahn ein Kran aufgebaut wurde. Der Rettungswagen kam und gleich danach das Fernsehen, und nach dem Fernsehen die Polizei. Zwischen den dastehenden Menschen schwirrte eine junge Frau in rosafarbener Bluse herum, das Mikrofon in der Hand; sie sammelte Augenzeugenberichte, wobei sie sich fortwährend auf das Allerhöflichste entschuldigte.
„Maja Maj“, stellte sie sich Longin vor. „Ich war auch in der Straßenbahn. Bitte sagen Sie mir: Was haben Sie gefühlt, als Sie diesen Menschen überfahren haben?“
Longin holte Atem, schüttelte dann jedoch ablehnend den Kopf und trat beiseite.
Er sah zu, wie die Frau mit den Kranarbeitern sprach und wie sie später, mit verschränkten Armen, die Arbeiten beobachtete. Als die Straßenbahn sich ein wenig hob, ging sie in die Hocke.
„Oh, verdammt nochmal! Ich kenne diesen Menschen!“, schrie sie und sprang auf.
„Das ist Tadeusz Stokrocki, einer der berühmtesten polnischen Aufständischen. Ein Aufständischer im Ruhestand.“
Durch die Menschenmenge ging ein Raunen, und Longins Knie wurden weich.
„Der Tod des großen Aufständischen unter den Rädern einer Straßenbahn“, rief Maja Maj aus und stellte sich sogleich vor die Kamera. „... des großen Aufständischen“, raunte die Menge.
Sofort kam jemand auf Longin zu.
„Wie konnten Sie es wagen“, sagte der schnauzbärtige Mann zu ihm. „Diesen großen Aufständischen zu töten.“ [...]
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