Lisa Palmes

Polonistin. Übersetzerin für Polnisch
W. Jagielski: Nocni wędrowcy - Wanderer der Nacht
W. Jagielski: Modlitwa o deszcz
M. Syrwid: Zaplecze
E. Kuryluk: Frascati
B. Rychter: Złoty wilk
K. Kotowski: Kapłan
paradox.pl - Texte über das polnische Theater
M. Olszewski: Chwalcie łąki umajone
Diese Übersetzungsprobe habe ich 2009 für den Katalog "Neue Bücher aus Polen" des Buchinstituts Krakau angefertigt.

Ewa Kuryluk ist Schriftstellerin, Kunsthistorikerin, Malerin, Zeichnerin und Installationskünstlerin. In ihrer biographischen Erzählung Frascati beschreibt sie die Nachkriegsgeschichte ihrer Familie, vor allem ihrer Mutter, einer Jüdin, in Warschau; der Titel bezieht sich auf die Straße, in der die Familie lebte. Das Buch ist 2009 im Verlag Wydawnictwo Literackie in Krakau erschienen. Auf Deutsch ist der Titel bislang unveröffentlicht.



[...] „Es müsste mal jemand von innen heraus über die Geschichte der Nachkriegszeit schreiben. Von den Folgen des Schocks, der psychischen Polarisierung”, sagte Mama langsam und mit Bedacht, als habe sie meine Gedanken erraten, „von denen, die zuviel Empathie besitzen und  denen, die überhaupt keine empfinden können. Horror macht entweder für das Böse sensibel oder völlig gefühllos. Woran mag das liegen? An der Veranlagung? Der Weltanschauung? Dem Glauben? Der Moral? Am Ort, an den uns das Schicksal verschlagen hat?”, fügte sie nachdenklich hinzu.

„Sicher an allem ein bisschen, Mama, aber hauptsächlich am Charakter.”

„Ein guter Charakter, das bedeutet wenig Angst, viel Empathie, den Glauben an sich selbst”, sagte sie mit Überzeugung. „Eine seltene Kombination. - Eine Rarität geradezu! Bei gewöhnlichen Charakteren bringt der Krieg die schlechtesten Eigenschaften zum Vorschein, bei guten nur die besten”, stellte sie fest. - „Ein Thema, mit dem man sich länger beschäftigen könnte, was, Mama?” - „Ich wollte darüber schreiben, habe es aber nicht geschafft, das ist was für dich”, sie nahm meine Hand. - „Ich weiß nicht viel über den Krieg.” - „Über das, was er in den Menschen anrichtet, weißt du so einiges”, sie schenkte mir einen vielsagenden Blick. „Zu viele Details können einem auch die Sicht verstellen.”

Frascati osculati”(1), begann sie nach einer längeren Weile zu summen, und dann, auf deutsch: „hier ist meine zweite Heimat. – Frascati ist eine wirkliche Köstlichkeit”, Mamas Stimme veränderte sich, „Diesen schrecklichen Frühling” – so pflegte sie den März `68 zu nennen – „waren sie auf unsere Wohnung aus. Das war klar, sie hat ja nur Vorzüge. Drei Zimmer, Altbau, ruhig gelegen, mit Balkon, ideal geschnitten, Villenviertel”, sie zählte an ihren Fingern ab, „Klavier, Sekretär, Musikschrank, eine komplette Sammlung der „Sygnały”(2) im Originaleinband aus der Vorkriegszeit. Die Vorratskammer voll von selbst Eingemachtem”, sie schnalzte, „unterschiedlichste  Kompotte, Fruchtmus, Marmeladen, Nüsse in Zucker. Wie ich nach der Rückkehr aus Wien ununterbrochen am Herd stand und einkochte, weißt du noch? Sie wollten Karol keine Arbeit geben, also habe ich Vorräte angelegt. Als er gestorben war, hetzten sie uns im Auftrag des Geheimdienstes westliche Diplomaten auf den Hals. Wollten dich um jeden Preis dazu kriegen, das Land zu verlassen.” - „Nein, Mama”, unterbrach ich sie hastig, „ein paar Bekannte haben uns ihre Hilfe angeboten, falls wir ausreisen wollten. Sie wußten, wer Łapka war.”

„Sie wussten es!” intonierte sie grimmig. „Und hier ist der Hund begraben, meine Kleine”(3), sie strich mir übers Gesicht wie einem Kind, „sie wussten es, und du nicht. Sie wussten es, denn sie hatten uns verkabelt vom Boden bis zur Decke”, sie hob die Augen, „hatten Telefon, Radio, Fernseher verwanzt. Sie wussten,dass wir hier wie die Kaninchen vor der Schlange sitzen. Wussten, wie man Witwen und Waisen eine Falle stellt”, sie verdrehte die Augen, „und wussten, wie man uns Angst einjagt.” - „Mama, niemand wollte uns...”     

„Spiel nicht die Idiotin!” unterbrach sie mich, „Du bist jetzt fünfzig und kein Kleinkind mehr! Sie haben bereits ihre gierigen Finger ausgestreckt, dachten, dass wir vor Angst von selbst”, sie betonte das Wort, „um Ausreise ansuchen würden. Aber da konnten sie lange warten!”, sie knirschte mit den Zähnen, „Von selbst, niemals! Ich hatte mir das Partisanenehrenwort gegeben”, Mama reckte zwei Finger in die Höhe, „um nichts in der Welt würden wir um Gnade winseln”, ihre Stimme überschlug sich, „wie die bescheuerte Zaza! Wenn euch das Wasser im Munde zusammenläuft vor lauter Gier auf unsere Frascati, dann schlagt doch mit euren Gewehrkolben die Fenster ein.” Sie zitterte. „Nehmt uns die Dokumente weg”, eine Zeitung flog auf den Boden, „holt euch unser Hab und Gut.” Mama strich mit der Hand über die Couch, dann wedelte sie mit dem Nachttischschlüssel: „Konfisziert unseren ganzen Besitz! Los! Brecht bei der Witwe ein, die nicht mehr alle Tassen im Schrank hat”, sie tippte sich an die Stirn, „Los! Gestapo! Kommt in der Nacht und holt euch meine Kleinen(4)! Deportiert minderjährige kranke Kinder in Viehwaggons ohne Wasser.” - „Wir waren nicht minderjährig, Mama.”

„Piotruś war noch keine achtzehn”, sie warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu, „Tag und Nacht lungerte er an der Tür zum Treppenhaus, wie der Hund, und wartete auf Vater, der längst auf dem Powązki-Friedhof begraben lag. Lieber wollte er auf den Mond, als bei uns zu bleiben. Und warum?” Sie blickte mich an. „Aus Angst, weil er in einem feindlichen Land allein mit einer unzurechnungsfähigen Mutter und einer asthmatischen Schwester zurückgeblieben war”, gab sie sich selbst die Antwort. „Einmal in der Woche holte dich der Krankenwagen ab und du kamst unters Sauerstoffzelt, hast du das vergessen?” - „Nein.” ‑ „Ich wusste, eine Ausreise würdet ihr nicht überleben”, seufzte sie, „also musste ich in der Frascati bleiben.” Sie hustete. „Wie vielen Tausenden haben sie wohl solche Angst eingejagt, dass sie schließlich ausgereist sind?” Sie sah mich an. „Ich weiß nicht genau, Mama.”   „Aber uns konnten sie nicht einschüchtern”, Stolz schwang in ihrer Stimme mit, „ich hatte mir geschworen, freiwillig würden wir ihnen die Frascati nicht überlassen.” Ihr Blick wanderte über die Wand. „Deswegen habe ich mich entschieden.” - „Wozu entschieden, Mama?” ‑ „Im März habe ich die Irre gespielt, um die Frascati zu retten.”  „Ge..gespielt?”, vor Aufregung begann ich zu stottern. „Es gab keinen anderen Ausweg”, sagte sie unwillig, „also habe ich mir gedacht, eine Verrückte würden sie wohl in Ruhe lassen.” - „Darum hast du immer geschrien?” - „Ich habe das ganze Haus zusammengeschrien, damit es alle mitbekamen”, nickte sie. „Habe mich so lange im Kreis gedreht, bis ich in Trance geriet”, fügte sie hinzu, „und aufgehört, die Medikamente zu nehmen, die der Dozent mir verschrieben hatte.” - „Du hast deine Anfälle simuliert?” - „So gut ich es eben konnte”, antwortete sie. „Doch die Strafe dafür war schrecklich, ich hatte die Bestie geweckt. Von da an lauerte sie in mir, und zwei Jahre später brach sie eines Morgens plötzlich hervor. Nur um Haaresbreite habe ich kein Verbrechen begangen”, sie barg ihr Gesicht in den Händen. - „Also ist es doch wahr?” Plötzlich hatte ich wieder die Stimme meines Bruders im Ohr: „Sie stand mit einem Küchenmesser vor mir”, hörte ich ihn in Cambridge durchs Telefon, „ich musste den Rettungswagen rufen”, er zwang sich zur Ruhe, „sie haben Mama nach Tworki(5) mitgenommen.”

Mama kuschelte sich tiefer in die Sofaecke und schloss die Augen. „Diesen schrecklichen Frühling” hatte sie sich nicht mehr gewaschen, ihren stinkenden Morgenmantel nicht mehr ausgezogen, war nicht mehr aus dem Haus gegangen. Nachts schlich sie durch die Wohnung, presste immer wieder das Ohr an die Wand, packte Koffer aus und ein, zerriss Briefe und Fotografien. Im Morgengrauen legte sich sich zum Schlafen auf das Sofa, schlurfte nach dem Aufwachen in die Küche. Trank Wasser aus der Leitung, füllte einen Eimer und trug ihn in das Zimmer mit dem Klavier, und in einem Einkaufsnetz das, was sie in der Speisekammer fand:

Brot, eine Konservendose, Zwiebeln, Zuckerwürfel. Sie schloss die Tür ab und versteckte sich unter dem Klavier, brüllte aus voller Kehle: „Los! Gestapo!”, so lange, bis ihr die Stimme versagte. Oder sie winselte, jaulte, knirschte mit den Zähnen, sehr zum Schrecken von Zaza. Und ich? Ich verfluchte Mama, hielt Łapka vor, dass er sich nicht schon viel früher von dieser Irren getrennt hatte, erstickte fast an meinem Husten und plante den final exit.

„Für einen Moment bin ich tatsächlich eingenickt, meine Tochter”, Mama rieb sich die Augen. - „Das ist gut.” - „Ich habe geträumt, dass Karol und ich einen Spaziergang auf dem Weichselkliff gemacht haben.” „Ein schöner Traum.” - „Außerordentlich”, sie schenkte mir ein charmantes Lächeln, „ich habe aus voller Lunge gepfiffen”, und sie begann zu pfeifen: „Frascati osculati.” [...]

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(1) Zeile aus einem Lied des Kabaret Starszych Panów [Kabarett der älteren Herren], einer Fernsehsendung, die im Polnischen Staatsfernsehen zwischen 1958 und 1966 lief
(2)
Sygnały = von 1933-39 in Lemberg erschienene literarische Monatsschrift

(3) und (4): Im Original Deutsch
(5) Das psychiatrische Tworkowski-Krankenhaus in Pruszków bei Warschau


(Webseite des Verlags Wydawnictwo Literackie)
(Webseite des Buchinstituts)

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