Die Übersetzungsprobe dieses historischen Krimis (dt. Arbeitstitel: Der goldene Wolf, in Polen erschienen im WAB-Verlag 2009), dessen Handlung im 19. Jahrhundert in dem damals in Österreich-Ungarn gelegenen Städtchen Sanok angesiedelt ist, wurde im Rahmen des SAMPLE TRANSLATIONS (C)POLAND-Programms des Buchinstituts Krakau finanziert.
[...] „Nun sag schon“, er sprach mit leiser und eindringlicher Stimme, „du weißt doch was. Ganz bestimmt weißt du schon was.“
„Und worüber soll ich angeblich schon was wissen?“
„Wie – worüber?“ Der Apotheker schlug vor Wut mit der Hand auf den Tisch. „Die ganze Stadt spricht darüber, und du weißt nichts davon? Skwierzyński mitten in der Stadt von einem Wolf gerissen, fast direkt vor dem Eingang zum Kloster, und du willst nicht wissen, wovon ich spreche?“
„Ich bin Lehrer, kein Jäger. Gehe nicht in den Wald, schieße kein Wild. Mit Wölfen kenne ich mich nicht aus.“
„Aber mit anderen Dingen kennst du dich aus“, Ochmański senkte die Stimme, „mit dem, was anderen verborgen bleibt, was andere nicht bemerken!“
Borys legte die blecherne Gabel aus der Hand, schob den Teller mit Grützwurst beiseite.
„Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.“
„Borys, ich bin gekommen, um dich um Hilfe zu bitten. Nicht nur im eigenen Namen.“
„Ich kann Ihnen nicht helfen. Ich kenne mich mit...“
„Du hast mir schon einmal geholfen.“
Pasternak blickte in die angstvoll aufgerissenen grauen Augen des Apothekers.
„Hat Ihnen das geholfen?“ fragte er leise. „Nicht den Kopf verwirrt?“
„Nein“, antwortete Ochmański ebenso leise. „Es hat mir Ruhe gebracht.“
Es ist Anfang März, die Sonne strahlt von Tag zu Tag kräftiger. Blickt man auf die weißen Flächen der Felder jenseits des Flusses, lässt sie einen die Augen zusammenkneifen. Der Schnee knirscht lustig unter den Füßen, er ist hart wie zerstoßenes Eis. Langsam geht er über die Wiesen Richtung Fluss, setzt mühevoll einen Fuß vor den anderen. Der Schnee ist nicht tief, doch einem Fünfjährigen reicht er bis zum Knie, überzieht die Fasern seiner handgewebten Hose mit Kristallen, haftet sich an die wollenen Handschuhe. Die Sonne steht bereits hoch über der weißen Linie der Hügelkämme, doch der Frost zwickt in Wangen und Nasenspitze, dringt bis unter den Mantel vor, macht die Finger klamm. Mit unermüdlicher Anstrengung arbeitet Borys sich durch eisüberzogenes Geäst, an einigen vom langen winterlichen Frost gespaltenen Baumstämmen vorbei, und gelangt schließlich zum Fluss. Ein Rinnsal fließt niedrig in seinem steinigen Bett, Eisschollen schieben sich ineinander. Sie erinnern den Jungen an grob geschnittene, wie zufällig auf einem hölzernen Teller angeordnete Brotscheiben. Die kalten, an den Rändern schartigen Eisblöcke sehen aus, als habe eine unsichtbare, mächtige Hand sie mit großem Schwung aufeinandergeschleudert. Er will die Eisterrassen erklimmen, kommt ins Rutschen, zieht die Handschuhe aus und versucht es noch einmal. Vorsichtig, mit beiden Händen das Gleichgewicht haltend, balanciert er entlang der rissigen Kante, springt von einer Scholle zur nächsten. Er betrachtet den Fluss,
in dem er vor nur wenigen Monaten noch bis zu den Knien waten konnte. Jetzt ist er weiß, eben wie eine Tischfläche, nur ganz in der Mitte der Eislandschaft plätschert ein dünner Strom mit unregelmäßig gezackten Rändern. Der nahende Frühling hat das Eis brüchig gemacht, der Strom gelangte an die Oberfläche, doch in seiner ganzen Schönheit wird man den Fluss erst in ein paar Wochen bewundern können. Die Warnungen seines Vaters noch im Ohr kämpft er gegen die Versuchung, die jungfräulich weiße Fläche zu betreten und sich dem schmalen Rinnsal zu nähern. Er zögert, breitet seine Arme weit aus, sucht mit den Füßen Halt auf der abschüssigen Kante – und erstarrt vor Verwunderung, als er seinen Blick hebt. Vor ihm, angelehnt an die Wand aus Eis, sitzt ein hellhaariges Mädchen, eingewickelt in einen wollenen Überwurf. Er erkennt sie wieder, es ist Kasia, die Gefährtin seiner Streiche, Tochter des Apothekers, der nicht weit vom Marktplatz wohnt. Er springt von der Eishalde, rennt zu ihr hin.
„Wo bist du gewesen?“ Er versucht, sie zu fassen, doch sie zieht ihre Hand weg und blickt zur Seite. Er wird diesen Blick – abwesend, traurig, still wie ein Winterabend – für immer im Gedächtnis behalten. „Wo bist du gewesen?“ wiederholt er. „Alle suchen nach dir. Dein Vater hat die ganze Stadt aufgescheucht, Polizisten durchsuchen die jüdische Gegend, es heißt, jemand habe dich entführt. Komm mit.“ Er streckt seine kleine, unbeholfene Hand aus, doch das Mädchen schüttelt abwehrend den Kopf.
Borys tritt von einem Fuß auf den anderen, weiß nicht, was er tun soll. Kasia ist bleich, sie sitzt im Schnee, schluchzt vor sich hin, doch ihre Wangen sind trocken.
„Dann bleib hier sitzen, rühr dich nicht vom Fleck“, sagt er und legt seine Wollhandschuhe vor sie hin. „Zieh die hier an, dann wird es dir besser gehen. Ich hole deinen Vater.“
Er läuft los Richtung Schlosshügel, biegt das froststarre Gestrüpp auseinander - dann, mitten im Lauf, hält ihn die leise Stimme des Mädchens zurück.
„Sag ihnen“, hört er, „sag ihnen, es ist jetzt alles gut.“
Borys reibt sich die Augen und schiebt die hartnäckigen Erinnerungen und Bilder, die er schon lange aus seinem Gedächtnis verbannen will, beiseite. Der Appetit ist ihm vergangen, er verspürt keine Lust mehr auf Grützwurst mit Zwiebeln, und der Raum, eben noch gemütlich warm, kommt ihm nun erdrückend eng und stickig vor.
„Jetzt ist das etwas anderes“, sagt er, indem er von seinem Platz aufsteht. Der Apotheker versucht, ihn festzuhalten, doch er streift die Hand von seinem Arm. „Ich kann Ihnen nicht helfen. Selbst wenn ich wollte, könnte ich es nicht.“ [...]