Die Übersetzungsprobe dieses Phantasy-Thrillers (dt. Arbeitstitel: Der Kaplan, in Polen erschienen im Verlag Cat Book 2008) um einen Geheimbund der Aurelitenmönche wurde im Rahmen des SAMPLE TRANSLATIONS (C)POLAND-Programms des Buchinstituts Krakau gefördert. Das Buch ist im Deutschen noch nicht veröffentlicht.
„Da ist noch einer!“ rief die Ärztin aus, als sie den vierten Mönch erblickte, der hinter der Mauer hervorkam. Lorent erhob sich. Er stand mit dem Rücken zum Ankömmling – trotzdem wusste er, dass der Mann da war.
„Er wird uns nichts tun“, erwiderte er ruhig.
„Was soll das heißen?!“
„Gib mir deine Hand“, Christoph schenkte ihr ein warmes Lächeln, doch in der Tiefe seines Blicks lag ein Anflug von Trauer verborgen. Als er bemerkte, dass die Frau viel zu sehr unter Schock stand, um sich auch nur zu rühren, zog er ein Tuch aus seiner Tasche und wischte mit ihm das Blut von dem Schwert, mit dem er gekämpft hatte. Er fiel auf die Knie, verharrte so eine Weile und bekreuzigte sich. Dasselbe tat der Mönch, der bis dahin auf dem schmalen Pfad gestanden hatte.
„Gib mir deine Hand“, wiederholte Lorent, indem er seine der Ärztin entgegenstreckte.
Alexandra tat, wie ihr geheißen. Sie gingen in Richtung des Pfades, an dem unbeweglich dastehenden Mann vorbei, der nicht einmal sein Schwert zog.
„Warum greift er uns nicht an?“ fragte Alexandra Sambierska im Flüsterton. „Wo ist der Rest?“
„Sie sind immer zu viert“, antwortete Christoph. „Wenn drei von ihnen sterben, kämpft der vierte nicht, sondern kümmert sich um die Körper der Gefallenen. So will es der Brauch.“
„Er wird uns nicht erschießen?“
„Sie verwenden keine Schusswaffen. Bereits seit der Erfindung der Schusswaffen empfinden sie das Schießen als unter ihrer Würde. Gehen wir hier heraus?“
„Ja. Was macht er mit den Körpern?“
„Sie haben ihre ganz eigenen Methoden. Wo steht dein Auto?“
„Na, hier stinkt’s aber ganz schön“, brummte Hauptkommissar Michael Kempinski mürrisch.
„Ja, Schwefel oder sowas...“, stimmte ihm Gustav Zaluska zu und verlor für einen Moment sogar seinen charakteristischen, etwas vertrottelten Gesichtsausdruck.
Michael blickte sich noch einmal auf dem Hinterhof um.
„Eva, das hier ist einfach idiotisch!“ rief er seiner Kollegin zu, die auf dem schmalen Pfad zwischen Mauer und Zaun stand und gerade etwas in ihr Funkgerät sprach. Sie war um die Dreißig, dünn wie eine Bohnenstange und trug die Haare abrasiert wie Sinead O’Connor, naja... vielleicht wie Annie Lennox. Ihre scharf geschnittenen Gesichtszüge, schmalen Lippen und der verbissene Gesichtsausdruck ließen auf eine ausgemachte Zicke schließen, doch in Wirklichkeit strahlte sie Ruhe, Ausgeglichenheit und Sachlichkeit aus. Sie fluchte zwar viel, tat dies aber auf eine geradezu elegante Weise, und im Vergleich zu ihren Kollegen schikanierte sie Zaluska relativ selten. Oberflächlich gesehen konnte man den Eindruck erlangen, Gustav sei einfach ein großer, dummer Junge, möglicherweise jedoch taten viele ihm damit Unrecht. Er war fünfundzwanzig Jahre alt, einsneunzig groß, wog hundert Kilo und besaß kaum ein paar Monate Erfahrung in dieser Abteilung. Eva war sich dessen bewusst und hatte beschlossen, ihm noch Zeit zu geben.
„Ich weiß nicht!“ antwortete sie, nachdem sie aufgehört hatte, in ihr Funkgerät zu reden.
„Wo sind denn nun diese Zeugen?“ fragte er, indem er auf sie zuging.
Sie zuckte die Schultern: „Hier drin“, und zeigte auf das Gebäude.
„Das ist ein Irrenhaus“, rief Michael ihr ins Gedächtnis.
„Ein psychiatrisches Krankenhaus“, verbesserte ihn die Polizistin.
„Eva...“, der Hauptkommissar wand sich. „Die Mehrzahl dieser Leute sieht jeden Tag Elvis oder John Lennon!“
„Nun hör sie dir doch wenigstens an“, bat sie ihn mit einem Lächeln. „Befrag auch die Ärzte...“
„Du hast doch gesagt, die Ärzte hätten nichts gesehen.“
„Aber sie berichten seltsame Dinge. Frag sie.“
„Und was hast du von ihnen erfahren?“
„Du würdest es mir nicht glauben, sprich selbst mit ihnen.“
„Aber worum geht es denn überhaupt?“ schaltete sich der verwirrte Gustav ein.
„Und wenn wir ihn schicken?“ schlug Kempinski boshaft vor und zeigte auf Zaluska.
„Eine Ärztin und einer der Patienten sind verschwunden, also vielleicht hörst du auf, Scheiße
zu labern, und bewegst deinen Arsch nach oben. Du warst zu spät, also sieh zu“, antwortete sie ruhig und in ihrer gewohnt trockenen Art.
Zwei mit der Durchsuchung des Hofs beauftragte Uniformierte kamen auf die Offiziere zu, um ihnen zu melden, dass sie nichts gefunden hatten. Während sie sich noch näherten, sah Michael seine Kollegin flehend an: „Ich bitte dich...“
„Suchen wir nach Fingerabdrücken?“ fragte da wieder Gustav.
„Ja, wir sammeln Fingerabdrücke vom Gehsteig, den Bäumen und dem Sand, auf dem du gerade herumtrampelst“, schnauzte er ihn an. „Hilfst du uns?“
„Hör auf damit!“ unterbrach ihn Eva.
„Dann gib mir irgendetwas an die Hand! Ich gehe ja schon, nur gib mir irgendwas!“
„Die Zeugen...“
„Soll heißen, die Patienten von hier?“
„Hältst du endlich die Klappe?“
„Entschuldigung.“
„Die Zeugen behaupten also, eine kleine, rothaarige Frau und ein ziemlich großer Typ seien auf diesen Hof hier gekommen, wo sie sich mit einigen Priestern oder Mönchen oder sowas in der Art getroffen hätten und...“
Sie machte eine Pause, blickte sich um und versuchte, die aufkommende Verlegenheit zu unterdrücken.
„Und?“ ermunterte Kempinski sie.
„Und begonnen hätten, gegeneinander zu kämpfen... mit dem Schwert.“
„Mit dem Schwert“, wiederholte Michael.
„Mit dem Schwert. Es habe so ausgesehen, als verteidigten sie den Eingang.“
„Klar. Und weiter?“
„Der Typ soll dann drei von den Mönchen getötet und zusammen mit der Frau die Flucht angetreten haben, und der vierte Mönch sei zu den Körpern der Getöteten hingegangen, habe sie erst mit etwas bestreut, danach übergossen, mit irgendeinem Material zugedeckt und angezündet.“
„Und wo sind die verkohlten Leichen?“
„Angeblich war das Feuer ungewöhnlich stark. Schon nach ein paar Minuten sei von ihnen nur noch Asche übrig geblieben, die der Mönch eingesammelt habe, und den Rest habe der Wind weggeweht. Vielleicht finden wir noch was davon.“
Eine sehr lange Stille trat ein.
„Und der Mönch entfernte sich vom Ort des Geschehens?“ platzte Gustav heraus.
„Du bist wohl nicht mehr ganz dicht“, meldete sich
endlich Michael zu Wort; natürlich ging er nicht auf Zaluska ein. „Mit so einer Geschichte soll ich nach oben gehen und die Ärzte befragen?!“
„Die werden dir noch viel interessantere Sachen erzählen.“
„Hör mal, es sind ja wirklich schon seltsame Dinge passiert, aber das hier ist zuviel für mich. Ich soll einen Bericht unterschreiben, laut dem polnische Ninja-Mönche ein psychiatrisches Krankenhaus attackiert haben, das heldenhaft von einem Durchgeknallten verteidigt wurde, der danach aus unerfindlichen Gründen mit einer Ärztin abgehauen ist? Ich an seiner Stelle hätte mir mindestens eine Ehrenmedaille verleihen lassen. Es gibt keine Leichen, es gibt keine Spuren, nur ein Märchen von einem Pulver und einer Flüssigkeit, die drei Mönche in Luft aufgelöst haben soll?“
Eva breitete nur ratlos die Hände aus.
„Verflucht, ich muss wohl träumen!“ ächzte Kempinski.
„Nun mach schon, aber lass die Knarre hier. Hier sind Waffen nur mit spezieller Genehmigung erlaubt, das gilt sogar für uns“, brummte sie gelassen. [...]