Lisa Palmes

Polonistin. Übersetzerin für Polnisch
B. Rychter: Die Bestie von Sanok - Złoty wilk
W. Jagielski: Wanderer der Nacht - Nocni wędrowcy
M. Rejmer: Toksymia
K.B. Miszczuk: Ja, diablica
W. Jagielski: Modlitwa o deszcz
M. Syrwid: Zaplecze
M. Olszewski: Chwalcie łąki umajone

Diese Übersetzungsprobe habe ich 2009 für den Katalog "Neue Bücher aus Polen" des Buchinstituts Krakau angefertigt.

Zaplecze (Dt. Arbeitstitel: Hinterland) ist ein sprachlich sehr interessanter psychologischer Debütroman der 1986 geborenen jungen Autorin Marta Syrwid. Das Buch ist 2009 im WAB-Verlag in Warschau erschienen. Auf Deutsch ist der Titel bislang unveröffentlicht.

 

Diese Übersetzungsprobe als pdf

Manchmal gibt es lang herbeigesehnte und wunderbare Tage. Wenn Vater nicht da ist. Ich esse die ungesunde gezuckerte Milch aus der Tube, Mama nimmt sich frei. Wir müssen nicht in den Kindergarten, nicht zur Schule. Ein paar Jahre später hält Mama Olek auf dem Schoß und spielt mit mir Monopoly. Wir essen Popcorn und gucken Märchen auf Video. Gehen erst spät schlafen. Wenn Vater zurückkommt, wird es still und schrecklich. Ich spüre die drückende Luft bei geschlossenem Mund. Als hätten wir uns alle vor einem Ungeheuer im Schrank versteckt. Und bemühten uns, nicht zu atmen, weil es uns sonst finden könnte. 
Ich habe Angst vor meinem Vater, wenn ich mit ihm am Tisch sitze. Ich bin ein paar Jahre alt.
Jetzt nicht. Jetzt nicht, denn ich treffe ihn nicht. Seit langem sprechen wir nicht miteinander. Ich habe ihn über eine Woche nicht gesehen. Er wohnt im Zimmer nebenan. Er und ich, wir haben einen ungeschriebenen Vertrag. Wenn Vater hört, dass ich in der Küche oder im Vorzimmer bin, kommt er nicht aus seinem heraus. Um mich nicht zu treffen. Wenn das Telefon klingelt, ist es unangenehm. Vor dem Apparat treffen wir aufeinander.
 
Du fragst, ob ich will, dass du schlecht über ihn denkst? Dass ich ihn zu negativ darstelle. Dass ich meinen Ärger rauslasse. Du weißt, was ich dir sagen werde. Oder? Sprich leiser, Klara, Vater merkt, dass du nebenan am Tisch sitzt. Er schmeißt dich raus, und ich kriegs später zu hören, weil ich fremde Leute nach Hause einlade. Bei Gelegenheit. Soll ich dir was von draußen mitbringen? Du bist ja allein in dem Laden. Nicht? 
 
Das Maggi wird auf den Tisch geknallt. Er hat aufgegessen.
„Na los, weiter, iss!” Spricht, als würde er schreien.
Ich kann Brühe nicht ausstehen. Mama weiß das. Aber sie hat meinen Teller gefüllt und auf den Tisch gestellt. Als Vater nur die Wohnung betrat. Brüllte.
„Na mach schon, Helka, trag die Suppe auf!”
Er wusch sich die Hände und spritzte sich Wasser ins Gesicht, trocknete sich mit Mamas Handtuch ab. Sie streiten sich immer, weil Vater sich nicht merken kann, welches Handtuch seins ist.
Wenn Mama nur ihm Suppe gegeben und sich mit mir im Zimmer eingeschlossen hätte. Wir hätten Vaters Misstrauen geweckt. Er hätte begonnen, an unsere Tür zu klopfen. Zu drohen. Dass wir gestehen sollten. Was passiert ist?
Mama hätte beteuert, nichts sei passiert.
Er hätte ihr nicht geglaubt.
Beide wären explodiert.
Mama hätte geweint.
 
Deshalb habe ich Brühe bekommen und sitze vor meinem Teller, Vater gegenüber.
Er erhebt sich. Ragt vor mir auf. Legt die Hand auf meinen Kopf. Umfasst mit seiner Hand meine ganzen Haare. Streichelt mich nicht. Ich erschauere. Fühle, dass er mich ertappt hat. Dabei, dass ich mich vor ihm ekle. Mit meinem ganzen Dasein.
Ich blicke Vater an, von unten. Lege den Kopf nicht besonders weit in den Nacken. Warte.
Er bewegt die Lippen. Öffnet sie nicht. Schiebt die geschlossenen Lippen von links nach rechts. Leckt sich seine Lippen. Dreht sich um. Geht.
Ich habe eine Gänsehaut, von innen.
 
Genauso eine, wie wenn Vater mir aufträgt, die mit Spucke gelöschten Zigaretten ins Klo zu schmeißen. Aus dem gläsernen, schweren, tiefblauen Aschenbecher. Ich werde ihn auf ausgestreckter Hand tragen. Mich schütteln. Mich dabei bemühen, seine Ränder nicht zu berühren. Die letzte Zigarette löscht er mit Spucke. Mama wird nicht in der Wohnung sein. Die Spucke beginnt auf dem erlöschenden Stummel zu knistern. Ich erbreche das Frühstück. Auf den Teppich. Kriege eins aufs Maul. Mit der Hand. Von der Seite. Auf den Kopf. Ich falle aufs Sofa. Kriege was auf den Hintern. Vollgekotzt, verheult. Es wird mir kalt sein, denn ich werde vorausahnen, dass er noch etwas tun wird. Er schlägt zu. Zerschlägt diesen Aschenbecher auf meinem Kopf. Aber verbietet mir nur zu weinen. Sagt, ich solle die Fresse halten. Stößt mich noch einmal.   
„Und geh mir aus den Augen, du elender Drecksbalg. Wasch dir Hände und Gesicht und flenn hier nicht rum. Du altes Ferkel, guck, was du gemacht hast, alles vollgekotzt, das wischst du jetzt auf. Du putzt das weg, mit deiner eigenen Zunge leckst du das auf.”
Ich renne ins Bad, verriegele die Tür. Stecke die geballte Faust in den Mund. Ich werde draufbeißen, bis ich zu weinen aufhöre. So leise, wie ich kann. Ich höre den Bus, der am Fenster vorbeifährt. Und die Türklingel einige Jahre später, eine halbe Minute später, Mama, die sich verspätet hat. Vater wird mir nichts mehr antun können.
Ich lasse Mama ins Bad. Sie sieht mich zwischen Waschmaschine und Wäschekorb sitzen. Die Faust im Mund. Ich werde nach Kotze stinken. Mama streichelt mir über das Haar, leckt sich über die Lippen und beißt die Zähne zusammen.
„O Gott, mein Liebling.”
Sie kniet sich vor mich hin. Mit einer Hand nimmt sie mir die Faust aus dem Mund. Mit der anderen beginnt sie mich zu kämmen. Gibt mir einen Kuss auf die Stirn, als wollte sie prüfen, ob ich Fieber habe. Sie wird noch immer weiche und feuchte Lippen haben.
Ich esse die Brühe nicht. Stehe stumm vom Tisch auf. Renne zu Mama. Sie blickt mich durch die Glasscheiben von der dunklen Küche her an. Die ganze Zeit hat sie mich und Vater durch diese schmutzigen Vorhänge hindurch beobachtet. Ich drücke mich an ihre Beine. Sie riecht gut. Nach Wärme und Schweiß. 
Vater hat gemerkt, dass ich ihn nicht ertragen kann. Zwischen uns brennt die Luft. 
Und die Schere. Das ist die größte Errungenschaft aus meiner Kindheit. Eine weitere Tortenschicht.

Ich bin fast acht Jahre alt. Ich bin mit Vater in der Wohnung. Er tischt Suppe auf. Graupensuppe.
Ich kann Graupensuppe nicht ausstehen. Gekochtes Fleisch, Graupen, bräunlich, gelblich, scheußlich. Darin herumschwimmender Sellerie und Kartoffeln. Ich weiß, dass ich nicht kann. Es einfach nicht aufessen. Vater gibt mir Brot zur Suppe. Altes Brot.
„Hier, zum Eintunken.”
Er hat dieses Brot aus einer Baumwolltasche genommen. Mama sammelt in ihr Brotreste für die Schwäne. Aus dem Park neben unserem Haus. Ich esse die gekochten Kartoffeln aus der Suppe heraus. Mehr kann ich nicht.
Mama kehrt nicht zurück.
Vater kommt in die Küche nach Jahren des Beinebaumelns unter dem Tisch. Nach Stunden des Krümel-über-den-Tisch-Pustens, von links und von rechts. Das Brot unberührt. Die Suppe genauso, nur ohne Kartoffeln.
 
„Ich hab nur die Kartoffeln rausgegessen, denn diese Suppe kann ich einfach nicht essen.”
„Iss, aber sofort. Aufessen sollst du. Ich werd schon aufpassen, du rührst dich nicht vom Fleck. Solange das hier nicht aufgegessen ist!”
Nase, Augen, Ohren, Haare, alles an ihm ist wie seine Worte, ein gleichförmiger Ton. Alle Weichheit abgeschliffen.
Er setzt sich neben mich. Ich esse nicht. Ich weiß, dass die Stille ein Ende haben wird. Die Bombe wird platzen.
 
„Du frisst also nicht?”
„Naja, ich kann eben einfach nicht...”
„Dann werd ich dir helfen... Alles sollst du essen, bis zum letzten Krümel, du dämliche Kuh!”
Er nimmt mir den Löffel weg, schöpft Suppe. Seine Hand zittert. Er schiebt mir den Suppenlöffel zwischen die Zähne.
O nein! Ganz bestimmt lasse ich mich nicht mit Gewalt von ihm füttern. Damit er noch über mich lacht? Mit diesen Zähnen. Diesen widerlichen, gelben. Von Kaffee und Zigaretten. Damit er zeigen kann, wie zufrieden er ist und wie stark. Weil er mich zwingen kann. O nein.
 
Er presst einige Löffel Suppe in mich hinein. Mit Gewalt und immer brutaler. Drückt mit dem Löffel gegen meine Zähne. Wenn ich den Mund aufmache, dreht er den Löffel. Die Suppe läuft mir übers Kinn. Der Griff des Löffels schnellt zurück. Das erfüllt mich mit Erregung. Und ich habe Angst. Dass Vater schließlich zuschlägt. Unser Spiel heizt sich immer mehr auf.
Meine Bluse ist schon voller Suppe. Suppe tropft mir auf die Hose. Vater steht auf.
„Wenn das so ist, wirst du eben noch einen zweiten Gang essen, du kleines Biest. Oder ich versohle dir dermaßen den Hintern, dass du noch dran denken wirst. Ich bin nicht die liebe Mama. Bei mir gibts keine Sperenzien!”
Er legt seinen Zeigefinger auf meine Nasenspitze.
Auf meinen Teller mit Suppe gibt er Kartoffeln vom Mittagessen. Ein Kotelett. Gebratene Rote Bete. Diese Kombination mag ich für mein Leben gern. Ich nehme die Gabel. Picke mir die besten Bissen heraus. Kartoffeln und Rote Beete. Das Kotelett, das in der Graupensuppe liegt und die restlichen, mit Graupen vermischten Rote Bete lasse ich liegen.
Vater steht hinter meinem Rücken. Sieht zu. Ich spüre, wie sein Blick auf mir ruht. [...]
 

 


 

Willkommen
Literaturübersetzung - Bibliographie
Leseproben
Weitere Projekte
Ausbildung
Fachübersetzungen
Kontakt/ Impressum
Übersetzungen polnischer Literatur